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Im Kern der Frohbotschaft Jesu Christi steht die Kunde vom Reich der Himmel. Das Himmelreich begegnet uns in jeder
Andacht, wenn wir das HErrengebet mit Mund oder Herz sprechen. Das „Vater unser“ – Gebet stellt im gewissen Sinne eine Zusammenfassung des ganzen Evangeliums, gar
der ganzen Bibel dar.
Möchte man redlich die Geschichte der Religionen betrachten, wird man recht bald feststellen, dass selbst in
jüngster Zeit die Vaterschaft im religiösen Gottesbegriff selten mit den Menschen in Verbindung gesetzt wird. Häufig begegnet uns eine biologische Verbindung – Gott wird
durch die Schöpfungstat als Vater oder manchmal als Mutter verstanden. In der gesamtbiblischen Reflexion verstehen wir Gott auf einer anderen Grundlage. Die Botschaft der
Heiligen Schriften der Hebräer und der Christen geht weniger von einer biologischen Vorstellung (Idiom) aus, sondern von einer natürlichen (physischen)
Offenbarung. Nicht nur die äußere oder körperliche Gestalt der Menschen verkündet Gott, sondern das ganze Wesen unseres Bestehens. Wir sind nach Leib, Seele und Geist Gott
nachempfunden, als Abbild und „Nachgestalt“ des Höchsten. Sowohl in der dreifachen Gestalt als auch im grundlegenden Liebesbegriff (der Kindes-, Partnerschafts- und
Elternliebe), stellen wir den Dreieinigen dar. Daselbst verstehen wir in unserer hebräisch-christlichen Glaubenstradition die natürliche Gestaltung des Menschen im Naturell
unseres Seins, wie wir handeln, meinen oder denken, und verstehen oder wahrnehmen. Dies nennen wir ebenso „Licht“, wie wir auch Gott als „das Licht des Alls“
verstehen. In dieser ungebrochenen Lehrtradition sprechen wir von einem Dualismus im Licht, wie unser HErr auch die Zuhörer seiner Predigt als „das Licht des Alls“ (to
fos tou kosmou) bezeichnete. Dieses übernatürliche Licht, keineswegs die Helle von Sonne, Mond und Sternen, lässt uns die Unvergänglichkeit als ein Merkmal natürlich
erfahren – Gott und unser Herz, die Seele nämlich, ist unsterblich.
Die Vaterschaft unseres Gottes zu glauben und im Gebet zu bekennen bedeutet, dass wir mit Ihm dort verbunden sind,
wo sich das Heilige vom Nicht-Heiligen (profanen oder weltlichen) abhebt. Im Antlitz Jesu erleuchtete uns der Vater im Licht des Geistes, – was nur von einem
gläubigen Herzen wahrnehmbar ist, – so dass wir Gott, welcher der Geist der Heiligkeit ist, nur im Geiste wirklich anbeten können. Diese geistliche Wirklichkeit nennen wir
natürlich oder physisch und bezeichnen sie als den wahren Glauben. Wenn wir Christen Gott als Vater im Gebet anrufen, bekennen wir, dass in dieser natürlichen Beziehung der
Mensch im vollen Menschsein untrennbar zu Gott gehört; wie die Frau zum Manne, so auch die Gemeinschaft der in Christo Vollendeten als Mutter zu Gott als dem Vater eines neuen
und unverweslichen Geschlechts. Selbst unser Heiland streckte einst seine Rechte über seine Jünger aus und nannte sie „Mutter und Brüder“.
Das Reich der Himmel ist da und es kommt noch – lehrt uns das fleischgewordene Wort. Wir beten – „Dein
Reich komme“, weil die historischen Erfahrungen dieses Reiches zeitlich immer eingeschränkt waren – als eine Wahrnehmung des Augenblicks – und uns die
beständige und uneingeschränkte Gottesschau nach dem göttlichen Willen verheißen worden ist, wie in den Himmeln, so auch auf Erden. Wenn wir uns zu einer persönlichen Andacht
zurückziehen oder zum Gottesdienst in Anbetungsstätten versammeln, stärkt uns im Glauben das Vernehmen des Augenblicks in Wort und Sakrament. Unser Verlangen nach Gott kann
dadurch zwar nicht gestillt werden, kräftigt jedoch unser ganzes Wesen in der Sehnsucht des Herzens nach der Wiederkunft der Herrlichkeit in unsere Mitte – dem Alltag der
Sorgen und der Schwäche entzogen trachten wir im Erlebnis der Ewigkeit nach einer neuen, für uns noch zukünftigen Welt. Selbst die Bitte um das tägliche Brot (ton arton
epiousion) drückt dies aus. Das „Epiousion“ des HErrengebets bedeutet sowohl das wesentliche als auch das morgige, jenes Brot nämlich, welches aus den
Himmeln kam und wiederkommt, um einen abendlosen Tag anbrechen zu lassen. Diese alltägliche Erwartung lässt uns auch heute sagen – „unser tägliches Brot gib uns
heute“.
Ja, Vater, gib uns Deinen göttlichen Sohn auch heute, den Befreier unserer Leiber, unserer
Seelen und unserer Geister, wie im Brot der Eucharistie, so auch im Alltagsbrot unseres Lebens, damit wir Dein sind und bleiben ewiglich.
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