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In der Wochenmitte vor dem 1. Sonntag Quadragesimä, der vorösterlichen 40 Tage, wird jedes Jahr eine heilige Fastenzeit ausgerufen. Während man heute gern von einer Gesundheitskur spricht, vom Fasten, welches der leiblichen Entschlackung und Reinigung
dienen soll, ist die Überlieferung dieser Fastenzeit von tiefer geistlicher Bedeutung. Denn zu den Besonderheiten der Lesungen dieser Tage zählen: die Offenbarung des göttlichen
Namens und der historische Auszug der Hebräer aus Ägypten in die Wüste. Auf der anderen Seite, nach außerbiblischen Zeugnissen, ist an diesem Tag unser HErr Christus zum Tode
verurteilt worden – durch die Gerichtsbehörde des jüdischen Hohen Rates. Neutestamentlich gibt es zwei weitere besondere Wüstengänge – einerseits fastete Jesus 40
Tage vor seinem öffentlichen Werk und anderseits zog sich unser HErr mit seinen Jüngern in die Wüste zurück, um zu verhindern, dass keiner derselben in der Einspruchsfrist vor
der Behörde der Pharisäer auftrete und den Richterspruch beanstande – denn die meisten standen noch unter dem Eindruck der Erweckung des Lazarus.
Diese Liste der Ereignisse vom Aschermittwoch ließe sich weiter fortsetzen, z. B.
mit dem „Jom Kippur kotton“, dem Versöhnunstag der Fastenzeit, über die Heldentat Judiths bis hin zum Wiederaufbau des Tempels zu Jerusalem. Gerade in all den Ereignissen,
in welchen sich die Besonderheiten des Alten und Neuen Testaments überkreuzen, erahnen wir die Bedeutung dieser Zeit des Kirchenjahres. Es sind heilige Tage, die vom Werk Gottes
bestimmt sind, heilig genannt nach Ihm: Dem Heiligen. Daher sprechen wir von den Tagen der Begnadigung und Erhörung, von der Zeit der Sündenvergebung und der Buße. Wer sich nach
der Erhörung sehnte, unerheblich davon, ob Jude oder Christ, der fastete; wer seine Sünden bereuen und die Absolution begehrte, derselbe fastete, ebenso auch jene, welche sich
dem göttlichen Werk und Amt widmeten, oder die übrigen, an welchen Gott handelte.
Die Wüste hat an sich nichts reinigendes, sie kann aber dazu nützlich sein, das
Wesentliche zu verstehen, da dem Auge des Betrachters das Unwesentliche verborgen bleibt. Zusammengefasst sind wir in diesen reinen Tagen dazu aufgefordert, selber für Gott rein
und heilig zu werden. In der Buße sollen wir jeden Versuch aufgeben, uns selber zu rechtfertigen, sondern im Glauben und Leben uns so bewähren, damit wir der Verheißungen,
welche der Heiland uns zusprach, wert zu sein, entsprechen, würdig für die Gabe des Heils – der Versöhnung untereinander und mit Gott, unserem Himmlischen und Heiligen
Vater. Vor dem Auge des Betrachters bleibt stets das Opfer unseres Glaubens, die Eucharistie des Neuen Bundes, oder die Hochzeit des Lebens. Uns treibt in diesen Tagen keine
andere Kraft als der Geist des Lebens, in welchem das Wesen Gottes mit jenem des Menschen geeint werden soll – für die Ewigkeit.
Wenn wir nun die nächsten 10 Tage der Gewissensprüfung widmen,
hoffen und erwarten wir, auch zu jener Buße angeleitet zu werden, welche reiche Frucht trägt – sowohl in guten Vorsätzen als auch in der Befähigung, die Geheimnisse
unseres Glaubens zu verstehen und zu begreifen. Egal, wie viele Predigten und Ansprachen wir hören und vernehmen mögen – unser Glaube, unsere Hoffnung und die Liebe, die
alles zu tragen vermag, werden erst durch die Erfahrung eines handelnden Gottes zu einem Lebenszeugnis reifen – so im Glauben und Leben zu bestehen, wie es der Vorsehung
des Höchsten entspricht. Nicht das Unbekannte sollen wir bezeugen, sondern jenes, was wir erfahren und durchleben, nicht das Unwissen, sondern das Wissen, welches der Geist
vermittelt, die Erkenntnis Gottes und seines Sohnes. Damit sollen wir statt Sklaven seine Freunde werden, auch seine Familie in alle Zeit und Ewigkeit.
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