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Es ist seit jeher die Gewohnheit, dass jene, welche Ostern feiern, sich auf das Hochfest nicht nur mit Fasten und
Beten, sondern vornehmlich durch die Lesung der Hl. Schrift mit einer inneren Einkehr und Betrachtung vorbereiten. Manche Mitchristen hören oder lesen diesbezügliche Bibeltexte
in der Osternacht, dann aber nur die ausgewählten Kapitel, wie sie in der jüdischen Pessachfeier üblich sind. Warum liest man in dieser Zeit überhaupt die Bibel ab dem ersten
Buch der Entstehung (Genesis) bis zum zweiten Buch des Auszugs (Exodus), gar bis zum dritten Buch (Leviticus) Moses?
Das österliche Hochfest gründet in einem unmittelbaren Gebot Gottes, alljährlich des Auszugs aus der Sklavenschaft
hin zur Freiheit feierlich zu gedenken. Der hebräische Begriff Pessach oder Pas|cha bedeutet eigentlich – Vorübergang und lenkt unsere Blicke in den Vorabend des Auszugs,
als der Todesengel die Erstgeburt Ägyptens heimsuchte. Das Herz des Pharaos war so lange hart und der Befreiung der Hebräer abweisend gegenüber, bis ihn die Verschonung der
Erstgeborenen der Hebräer davon überzeugte, dass es Gott der HErr ist, der sein Volk aus seiner Hand forderte. Daraufhin ließ der Pharao das Volk Gottes gehen – in die
Wüste.
Unser Sklavenhaus, die Haushaltung der Sterblichkeit, stammt aus der sog. ersten Entstehung. Über dem
Schöpfungsbericht liegt ebenso, wie über allen Schriften des alten Testamentes nach paulinischem Zeugnis ein Schleier (2. Kor. 3, 13-18), welcher sich bei einfacher
Lektüre solange nicht aufheben lässt, bis man die umgestaltete Erscheinung des auferstandenen Heilands Jesu Christi gläubig wahrgenommen hat. Unsere Befreiung entsteht in der
Erscheinung des Himmelreichs, in der Umgestaltung (Metamorphose) unseres ganzen Wesens nach der Gestalt eines neuen und vollendeten Menschen (adam eschaton),
welchen im verklärten Licht einige Apostel am Berg Tabor wahrnahmen. Im Licht der Gottheit sahen die Apostel den Sterblichen und begriffen, dass nicht die klugen Reden und
Auslegungen der Schrift, sondern der göttliche Glanz des Lebens sie zu überzeugen vermochten (2. Pet. 1, 16-19), der Glanz, welcher sowohl an einem Sterblichen, der zu
unserer Erlösung als Erstgeborener einer neuen Schöpfung starb, als auch an einem Entrückten und an einem Toten, dessen Leib im Grabe ruhte, wahrnehmbar war.
Durch die erste Schöpfung hindurch sind wir fähig, zum Geheimnis unserer leiblichen Erlösung zu gelangen, indem
wir kraft des Glaubens dem Erstling der Entschlafenen im Geist begegnen. Denn seit dem österlichen Morgen ist der Tagesstern, der Leben und Frieden verkündet aufgegangen.
Entschleiert lesen wir die Berichte der Hl. Schrift, von der Entstehung und vom Auszug, im vollen Bewusstsein, dass wir vom Tod und vom Todesengel befreit, durch die Wüste
dieses vergänglichen Lebens zum verheißenen Land der Ewigkeit wandern, – gestärkt in der Hoffnung der Leibeserlösung, nämlich unserer eigenen Auferstehung. Es kräftigt uns
auf dieser Wanderung das Manna des Wortes Gottes (des Logos – siehe Joh. 1), sowohl in der Prophetie, als auch im Sakrament des Leibes und Blutes Christi.
Ja, wir sehnen uns danach, die Umgestaltung, die Vorauferstehung zu erfahren, nämlich die Erscheinung der Erstlinge der Auferstandenen, losgelöst von jeglicher Bindung und
Schuld, gar soweit, dass wir nach der Weise Jesu auch jenen mit Freimut Schuld und Ungerechtigkeit vergeben, welche uns Unrechtes angetan – denn sie wissen nicht, was sie
tun.
Im Hafen des Heils – eigentlich in den Händen unseres himmlischen Vaters – sind
wir durch die geheimnisvolle Einheit des Leibes Christi im Stande, die Vorzeit unserer Befreiung zu betrachten, nicht nur die Vorzeit des österlichen Kirchenjahres, sondern auch
die Vorzeit unseres Glaubens. Wenn unsere Blicke den kommenden Befreier wahrnehmen, der uns die Gnade der Umkehr und Bekehrung schenkt, wird jeder HErrentag, welchen wir
sonntags feiern, zum Morgenlicht des achten Wochentags, wo die Morgenröte einen abendlosen Tag anbrechen lässt. Dadurch wird auch unser Osterfest hell und erbaulich, ein
Feiertag der Ankunft des Himmelreichs.
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