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„Der HErr läßt dich erstehen als das Volk, das ihm heilig ist, wie er es dir
unter der Bedingung geschworen hat, daß du auf die Gebote des HErrn, deines Gottes, achtest und auf seinen Wegen gehst.“ (Dtn. 28, 9) – können wir im Morgendienst des 4. Sonntags nach Ostern hören. Wenn der Begriff des Heiligen unerwähnt bliebe, wäre das Verständnis der biblischen Satzung nur mit uns Menschen verbunden. Der Bund Gottes mit den Menschen schließt Gott in den Satzungen mit ein. Dadurch ist weder Gott noch wir einer Satzung unterworfen! Die Gebote geben an, dass beide Seiten des Bundes einen gemeinsamen Weg beschreiten, nämlich seine Wege. So entsteht das Volk, das in der Heiligkeit mit Gott eins wird – wie der Fleischgewordene Gott und Mensch zugleich bezeugt und verherrlicht wird. Kraft der Heiligkeit dessen, der sich als der Heilige durch die Erscheinung geoffenbart und als Vater des Menschengeschlechts bekannt hat, beten wir Gott als unseren Vater an. Denn wie Gott uns, sollen auch wir Ihm heilig sein, geeint in einem besonderen Wesen.
Unter anderem beten wir, wie uns Christus im Vaterunser unterwiesen hat, dass Gott uns das Tagesbrot gäbe. Im griechischen Text benennt Jesus dieses Brot mit einem besonderen Namen: „Epiousion“. In diesem Wort verbirgt sich der Inbegriff des nicänisch-konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnisses, welches wir sonntags in der hl. Eucharistie bekennen: die „Ousia“. Dieser Begriff wird als „Wesen“ übersetzt. Das Licht vom Lichte, welches der HErr Jesus Christus ist, wird als „Homoousia“ bezeichnet und mit „gleichen Wesens“ mit dem Vater übersetzt. Im Gegensatz zum Wesensbegriff, wie im griechischen „Ontos“ oder „Hypostasis“ (lat. Substanz) das Wesen verstanden wird, spricht der HErr den Kern des Wesens an, das Unteilbare des Wesentlichen.
Praktisch sehen wir in der Eucharistie das geweihte Brot, das eben nach Brot schmeckt. Doch im Kern glauben wir, statt Brot den Leib des HErrn zu genießen. Das genannte „Epiousion“ bedeutet aber mehr. Zum besseren Verständnis leitet uns die göttliche Lesung (Dtn. 28, 67) vor der Eucharistiefeier an: „Am Morgen wirst du sagen: Wenn es doch schon Abend wäre!, und am Abend: Wenn es doch schon Morgen wäre! - um dem Schrecken zu entfliehen, der dein Herz befällt, und dem Anblick, der sich deinen Augen bietet.“ Während der Abend für eine Endzeit steht, welche mit der Himmelfahrt Christi angebrochen ist, deutet der Morgen einen anderen und neuen Tag an. Am geeignetsten ist sprachlich die Brotbitte mit „Das morgige Brot gib uns heute“ übersetzbar. Die Übersetzung – unser tägliches Brot gib uns heute ist keineswegs falsch. Als die Hebräer während ihrer Wüstenwanderung das tägliche Brot des Himmels (Manna) einsammelten, geschah dies stets morgens und außerhalb des Lagers! So versammeln auch wir uns außerhalb unserer Wohnungen, nicht im Profanen oder Weltlichen, sondern in einer Welt Gottes, im Sakralen, um das Brot des neuen Tages alltäglich in die Hände zu nehmen. Folglich drücken wir mit der betreffenden Bitte nichts anderes aus, als unsere Sehnsucht nach dem sog. abendlosen Tag, und denken an die Verheißung Jesu – „Ich werde es nicht mehr essen, bis das Mahl seine Erfüllung findet im Reich Gottes.“ (Lk. 22, 16)
In diesem Sinn verstehen wir die Epistel (Jak. 1, 17-21), welche mit folgendem Wort beginnt: „Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben, vom Vater der Gestirne, bei dem es keine Veränderung und keine Verfinsterung gibt.“ Gott gibt sich in der Person Christi als das vollkommene Geschenk, als die gute Gabe unseres Heils, nicht nur eucharistisch. Der Menschgewordene zeigt und offenbart das Antlitz des Vaters der Lichter, die der Apostel Gestirne nennt. Und so, wie der HErr uns und sich selbst als „das Licht (tou kosmou) des Alls“ bezeichnete, verstehen wir das Licht des Lebens in jenem Lehransatz, wie wir es morgens vernehmen konnten – als das Volk, welches in seiner Erstehung dem Heiligen heilig ist.
Das Tagesevangelium (Joh. 16, 5-15) hingegen vertieft die Lesung des HErrentagsdienstes: „Jetzt aber gehe ich zu dem, der mich gesandt hat, und keiner von euch fragt mich: Wohin gehst du? Vielmehr ist euer Herz von Trauer erfüllt, weil ich euch das gesagt habe.“ Ob morgens oder abends, immer einigt uns mit dem in Herrlichkeit kommenden HErrn die Sehnsucht nach ihm. Mit dem Brot des Lebens und dem Kelch des Heils ausgerüstet harren wir all jener Ereignisse, wodurch laut Abendlesungen dieser Zeit aus dem geheimen Buch der Offenbarung alles vollendet wird, was wir geglaubt und gehofft haben. Vor allem aber soll eines vor aller Augen offenbar werden – das Volk, das Gott heilig ist!
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