Vom Opfer Christi hat eigentlich die ganze Welt schon gehört – das Kreuz ist ein öffentliches Zeichen für die Christen geworden, und die meisten, am Glauben kaum interessierten Mitmenschen, assoziieren es auch mit dem Gekreuzigten. Diese Kenntnis beinhaltet weder ein Verständnis für uns Christen noch den Respekt für die Hingabe des Sohnes Gottes. Es ist eher so, dass viele Nicht-Glaubende unseren christlichen Glauben für rückständig halten, aufgebaut auf Legenden, wenn nicht gar auf Märchen. Anders-Glaubende sind wiederum häufig darüber verwundert, dass wir einen am Kreuz Gestorbenen verehren.
In der Passionszeit gedenken wir in Jesu tatsächlich eines leidenden Gottes, welcher aus Liebe zum Menschengeschlecht am Kreuze starb. Damit zeigte Christus an, dass in ihm Gott Mensch geworden ist – denn Gott ist unsterblich, und nur ein Menschensohn ist des Todes fähig. Aus Liebe zu uns Menschen war unser Heiland bis zum Tod am Kreuz konsequent. Indem sich Gott bis zum öffentlichen Sterben dahingab, nämlich in die tiefste Erniedrigung, nahm er den Geschmack des Todes wahr, als wäre auch das Göttliche selbst verstorben.
Für uns gläubige Christen sind diese Tage die Eindrucks-stärksten im Kirchenjahr. Wir betrachten einen Leidenden, der als vollkommener Mensch in jenem Augenblick starb, als es seinem Willen entsprach – auch als Mensch offenbarte er sich als Gott, der die Zeiten beherrscht. Und doch sehen wir zugleich auch eine göttliche Erscheinung, welche all das kostete, was die Menschen seit alters her kannten – die Schmach des Verrats, die Bestrafung der Unschuldigen und die Ohnmacht der Sterblichen. Gott erniedrigte sich freiwillig, um seine Geschöpfe zu erlösen? Wieso?
In der Welt ist die Sklaverei vor nicht allzu langer Zeit offiziell abgeschafft worden, auch die Frauen bekamen das Stimmrecht. Für die meisten Agnostiker sind dies Anzeichen dafür, wie rückständig die früheren Zeiten waren, in welchen die Religionen dominierten. Dass unsere Mutter, die Kirche, sich weder die eine noch die andere Errungenschaft als Verdienst auf die Fahnen schreiben kann, ist traurig, vor allem deshalb, weil für die gläubigen Verbündeten Gottes seit über 4000 Jahre sowohl die Versklavung als auch die geringere Wertung der Frauen biblisch verboten waren. Traurigerweise nahmen manche unserer christlichen Vorfahren die Vorschriften in der mosaischen Weisung über die Bestrafung der Hexen, die Verfolgung der Sünder und die besonderen Werte der Moral wortwörtlich. Bei all dem Fleiß übersahen sie die eigentlichen alttestamentlichen Grundwerte – die Gleichheit der Gläubigen und ihre besondere Würde. Sie sollten nach göttlichem Recht und Willen als ein Geschlecht der Könige verstanden werden, als solche, die man unbestraft niemals versklaven darf. Gott bezeichnete sie zugleich als ein priesterliches Geschlecht, gleichgestellt in seiner Anbetung.
Was im Alten Bund nur für die Verbündeten galt, soll nun nach der Menschwerdung Gottes für alle Menschen gelten. Und wie Christus im Tod die Gräber öffnete und den Tod besiegte, so sollte in der Erniedrigung Gottes ein Beispiel sichtbar werden, wie wir als freiwillige Sklaven die Sklavenschaft überwinden sollen – durch den Dienst am Nächsten. Denn was alttestamentlich im Bezug auf die Befreiung der Sklaven lediglich zu besonderen Jubeljahren galt, gilt seit dem Heilswerk Jesu Christi jederzeit, wie es der Apostel (Gal. 3, 28) bezeugte: „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid «einer» in Christus Jesus.“
Wir bereiten uns nun darauf vor, in der Karwoche mehr als nur die Leiden Christi zu betrachten – nämlich uns und unsere Befreiung nach unserem ganzem Wesen, leiblich, seelisch und geistlich. Denn im Leibe sind wir fähig geworden, den Gottesdienst so im Heiligen zu feiern, dass wie den Segen hinaus bringen können, indem wir jedem Mitmenschen dienen können. Mit Herz und Seele sind wir fähig, Tod und Trauer zu überwinden, da uns im österlichen Sieg Christi die Todesschuld ausgelöscht wurde und wir als Freie gelten. Und nicht zuletzt sind wir im Geiste begabt, das Werk des Heiligen Geistes zu verstehen – unsere Vollendung in Gott. Dieser unserer dreifachen Gottessohnschaft wollen wir zu dieser Zeit gedenken und den Sieg feiern, dass wir mit Jesus Christus auf immer mit Gott vereint sind, und denselben jederzeit anrufen dürfen: „Vater unser im Himmel!“
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