„Sagt den Verzagten: Habt Mut, fürchtet euch nicht! Seht, hier ist euer Gott!
Die Rache Gottes wird kommen und seine Vergeltung; er selbst wird kommen und euch erretten.“ (Jes. 35, 4)
Der Auftrag unseres Dienstes und Amtes, welchem wir uns verpflichtet empfinden, ist
zunächst rein prophetisch. Dies bedeutet, dass wir jedem, der sich nach Gott sehnt und ihn sucht, mit einer geistlichen Schau begegnen sollen. An uns ist es nicht, Bibelzitate
aufzuzählen und zu zitieren. Vielmehr sollen die geschriebenen Heiligen Schriften lebendig empfunden werden und in diesem Sinn statt Trost, Mut zugesprochen werden, statt Geschichte und Vergangenes, die Wirklichkeit der Vollendung. Im Heiligen Geist, der als Prophet das Werk und die Gegenwart unseres Heiligen Vaters vermittelt, sind wir fähig, die Grundlage
des christlichen Glaubens sowohl zu vermitteln als auch mit allen Mitglaubenden anzunehmen und zu verstehen. Einem solchen Werk kommen wir alle nur dann näher, wenn wir nicht
nur die Nähe Gottes erfahren, sondern auch die Örtlichkeit derselben. Der Satz – Seht, hier ist euer Gott! – besagt zuerst wo, und weniger wie die
Gegenwart des Höchsten erfahrbar ist.
Die Mitmenschen von der Wiederkunft Christi zu überzeugen ist nicht so einfach.
Zwar sind sowohl die Glaubensbekenntnisse als auch die Zeugnisse und Gottesdienste der Kirche mit der Botschaft von der erneuten herrlichen Erscheinung Jesu voll durchsetzt.
Sogar die Nichtglaubenden kennen die Gerichte der apokalyptischen Vergeltung. Beides wird jedoch nicht nur missverstanden, sondern aus Unkenntnis und Glaubensmangel häufig ignoriert.
Auch das kommende Fest der Darstellung Jesu im Tempel zu Jerusalem hat seine ursprüngliche Frische verloren. Soweit dieser Gedächtnistag vielen noch bekannt sein mag, ist der
geistliche Inhalt und die Botschaft dieses Tages doch fremd, wenn nicht gar befremdend.
Die Angehörigen der geschlossenen geistlichen Gemeinschaften verschiedener
kirchlicher Abteilungen, Orden und Klöster, betrachten an diesem Festtag ihre eigene Lebensweihe. Mit der Weihe Christi verbinden sie ihre eigene Weihe, damit sein Leben ihre
Gelöbnisse durchsetze, und sie so, wie unser HErr, für Gott leben. Ist die Klausur des Klosters oder die Zelle der Einsiedler wirklich der Ort, das „hier“
der Gegenwart Gottes?
Der Neugeborene wurde in den Tempel getragen, nach Jerusalem. So könnte man diese
historische Örtlichkeit als Ort der göttlichen Anwesenheit betrachten. Geographisch ist Jerusalem heute eine Stadt, die von dieser „Heiligkeit“ überladen ist, ein
Ort der Trennungen und Spaltungen der Religionen und der Kirche. Nur die Klagemauer zeigt jene Stelle an, wo der Tempel stand, und an welcher vielleicht zurecht die gläubigen
Menschen klagen und beten. Historisch können wir annehmen, dass unweit dieser Stelle die Tempelanlage stand, in welcher Jesus dargestellt wurde. Da dort nun eine islamische
Gebetsstätte steht, wird die Darstellung des HErrn auch als nur ein mögliches geschichtliches Ereignis verstanden – lediglich als eine Einhaltung der mosaischen Weisung,
denn unser Erlöser war dem Fleisch nach ein Jude.
Sowohl der Tempel zu Jerusalem vor seiner Zerstörung, als auch alle unsere
Kirchgebäude, sind nur ein Abbild der Himmel und eines nicht von Menschenhand gebildeten Heiligtums. Dabei sind nicht die gottgeweihten Hallen, egal wie prächtig sie gestaltet
werden, die Orte der Gegenwart Gottes. Selbst das Heiligtum der Himmel darf nicht als eine Thronhalle verstanden werden. Wie die alttestamentlichen Propheten, so sah auch
Johannes die Einrichtung des Tempels – sie alle sahen gerade das, was den Tempel und unsere Gebetshäuser ausmacht: den Altar des Höchsten. Aus seiner unerschaffenen
Wohnstatt, die ohne Entstehung und Abbruch auf immer besteht, steigt Gott herab, damit die Ewigkeit mit Ihm die Zeitlichkeit heimsuche, und die Vergänglichkeit in der
Unendlichkeit der Unvergänglichkeit münde. Damit wird beständig der Prophetenspruch erfüllt: „Er selbst wird kommen!“.
Dieser Herabstieg der Herrlichkeit, des Qawods, wird durch den Weihrauch auffällig
wahrgenommen. Vor dem Antlitz der göttlichen Gegenwart steigt der Rauch der Anbetung und der Gebete empor, aus der Gestalt des Tempels der Himmel in die Höhe der morgen- und
abendlosen Wirklichkeit, hinauf zur Burg des ewigen Jerusalems, zum Allerheiligsten der Himmel. Im Herzen des himmlischen Tempels steht der Altar, also jene Einrichtung, welche
jeden Tempel, sowohl im Himmel wie auch auf der Erde, zu einem Gebetshaus macht, zu einer Stätte der Heiligkeit. Mit Christus, dessen Weihe wir am Altar gedenken, sind wir als
Altardiener geeint, sowohl in der Liturgie als auch in der Verheißung. Jesu Darstellung am Tempelaltar zu Jerusalem stellt sichtbar das Unsichtbare dar – bereits als
Säugling wie nach seiner Himmelfahrt im verklärten Auferstehungsleib gehört Christus jener Stätte an, wo örtlich Gott gegenwärtig ist.
Mit der gesetzlichen Weihe sollen alle Erstgeborene erfasst und mit dem Altar
verbunden werden, wie ehemals die Erstlinge des alttestamentlichen Bundesvolkes, so auch alle, welche in der Taufe den Geist Jesu Christi empfangen haben, den Geist des
Erstgeborenen.
Die Opfergabe unserer Weihe am himmlischen Altar ist jener, der als Weihegabe die
Erstlinge im Bild der Taube heiligte und als Opferfeuer in Feuerzungen sichtbar herabstieg. Der Heilige Geist lässt uns an jedem geweihten Altar die Gegenwart Gottes erfahren
und verkünden, damit wir jetzt erfahren, was uns die Vollendung bringt – nämlich die sichtbare Ankunft Gottes, unseres Vaters. Die Wiederkunft Christi ist für uns das
Ereignis der Ankunft Gottes, wenn unsere Hoffnung auf die Erlösung vollendet wird, die verheißene Rettung unseres Glaubens.
Auch die Mutter Jesu nahte sich der Altarstätte – die
Zeit ihrer Reinigung war abgeschlossen. Da betrachten wir auch die Gebärende, die uns in der Wiedergeburt gebar, die Braut Christi. Vielen Menschen sind die Worte über die
Vergeltung und das Gericht ein Dorn im Auge. Jene Propheten, welche sie sich selber erwählt haben, sehen nicht. Für sie ist der Gott der Juden und der Christen ein zorniges
Wesen, lieblos und rachsüchtig. Die Gerichte beginnen jedoch nicht außerhalb des Heiligtums! Beladen von Unreinheit bedarf auch unsere Mutter, die Kirche, der Reinigung und der
Nahung zur Altarstätte, wie jede Wöchnerin, welche sich von den Geburtsschmerzen geistlich befreit und sich dadurch in der 40-tägigen Frist für Gott reinigt und bereitet. Zu
dieser Läuterung gehört auch die sakramentale Buße, damit wir, wie einst die Bewohner Ninives, durch die Umkehr und Bekehrung dem Strafgericht entkommen, um fähig zu werden, die
Liebe und Zuneigung Gottes zu genießen. Deshalb beten wir nicht nur zu dieser Zeit, dass die Gemeinschaft der Erstgeborenen ihre Einheit wieder erkenne. Denn eines ist ganz
gewiss, zum Altar wird eine makellose und reine Braut geführt werden, die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche. Für sie, und nur für eine solche vollendungsfähige
Kirche, beten und leben wir, zum endlosen Ruhm unseres Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
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