Jagt dem Frieden mit allen nach und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn
schauen wird. (Hebr. 12,14)
Gott ist heilig und wir als sein Volk sind zur Heiligkeit berufen. Dies ist keine
neue Botschaft für uns. Aber dennoch stellt sich mitunter die Frage: Wie macht man das, sich heiligen? Insbesondere, wie kann man, in einer unheiligen Welt lebend, sich Tag für
Tag heiligen?
Die Heiligkeit Gottes und seines Volkes
Bevor man an diese Frage herangeht, muss man sich klar werden, was mit der
Eigenschaft ‘heilig’ überhaupt gemeint ist. Schon das alttestamentliche Volk Gottes, Israel, war dazu berufen, ein heiliges Volk zu sein, ein Eigentumsvolk für den
Herrn (5.Mos. 7,6). Die Bedeutung des ‘Heiligen’ zeigt sich gerade in diesem Kontext: Israel war durch seine Erwählung aus allen Völkern heraus
gerufen, es war zu etwas Besonderem geworden. Das hebräische Wort ‘kadosch’ hat gerade diese Bedeutung des ‘besonderen’ oder
‘abgesonderten’.
Eine Berufung zu haben ist die eine Seite der Medaille. Die andere Seite besteht
darin, dieser Berufung gerecht zu werden: Das Volk Gottes ist dazu berufen, sich der heiligen Sache Gottes zu widmen, göttliches Wirken zu erleben und zu bezeugen. Das
Gottesvolk ist dann heilig, wenn es gerade dies tut.
In unserer katholisch-apostolischen Tradition wurde gesagt: Gott ist die Quelle der
Heiligkeit. Aber was heisst das? Nun, das bedeutet zunächst einmal, dass der Mensch aus sich selbst heraus, getrennt von Gott, kein wahrer Heiliger wird. Im Weiteren heisst
dies, dass der Höchste sich stets seiner eigenen, vollkommenen Sache widmet. Im Deutschen geht der Begriff ‘heilig’ zurück auf ‘heil’, auf
ein heil sein im Sinne eines ‘ganz’ Seins. Der vollkommene Gott ist immer auch ganz, es ist keine Veränderung in ihm, weder zu mehr noch zu weniger Ganzheit
hin.
Der heilige Gott ist nicht in einer unheiligen (profanen) Welt zuhause.
Dennoch will er in der Schöpfung wohnen, in einem geeigneten Bereich: In seinem Heiligtum, unter seinem Volk, das sich heiligt; unter einem Volk, das Heil erfahren soll. Wenn
Gott in der Welt wohnt, dann immer getrennt vom Profanen, Bedeutungs- und Heillosen. Dies tut er nicht aus Sorge um sich selbst, sondern mit Rücksicht auf den unheiligen Teil
der Welt. Die Heiligkeit Gottes enthält also alle diese erwähnten Aspekte: Abgesondert sein, heil sein, gewidmet sein.
Heiligkeit und Heiligung der Kirche
Was wir oben über das alttestamentliche Gottesvolk gesagt haben, gilt in gleicher
Weise für die Kirche, für das Volk des neuen Bundes. Das deutsche Wort ‘Kirche’ leitet sich aus dem griechischen ‘kyriakon’ ab, was
‘dem Herrn gehörig’ heisst. Das französische ‘Eglise’ wie auch das lateinische ‘ecclesia’ leitet sich von einem anderen
griechischen Wort her, nämlich von ‘ekklesia’, wörtlich übersetzt die ‘Herausgerufene’.
Die Kirche ist heilig und soll sich heiligen: Sie soll sich durch den Geist Gottes
in alle Wahrheit leiten lassen, mit der göttlichen Wirklichkeit vertraut werden (vgl. Joh. 16,13 und 17,16-17). Dieser Weg ist zweigeteilt: Es geht sowohl um die
gemeinschaftlich-kultische Begegnung mit Gott wie auch um ein individuelles Zurückfinden zum wahren eigenen Selbst.
Die eine Kirche Christi ist immer dort gegenwärtig, wo sie sich im Namen Jesu
gottesdienstlich versammelt. Im Gottesdienst, wenn wir mit unserem Gott verbunden sind, dann sind wir heilig. Insbesondere kommt unsere liturgische Heiligung beim
‘grossen Einzug’ in der Eucharistie zum Ausdruck. Wenn die am Diakonentisch abgesonderten (geheiligten) Gaben zum Altar gebracht werden, so beten wir
darum, selbst zu einer Gabe für Gott zu werden.
Die Heiligkeit im Alltag
Wenn wir die Heiligung als ‘Ganzwerdung’ deuten, so ist klar:
Sie geschieht über weite Strecken hinweg gemeinschaftlich. Mein Anliegen ist es an dieser Stelle, einige Bemerkungen zur individuellen Heiligung loszuwerden. Eine solche
individuelle Heiligung gab es auch im Alten Testament, so beispielsweise als Vorbereitung auf den Versöhnungstag, auf den Jom Kippur. Eine Heiligung des persönlichen Lebens wird
auch in den neutestamentlichen Briefen verlangt; zum einen im Hinblick auf unser Ziel, einst Gott zu sehen; zum anderen im Hinblick darauf, das unser Leib ein Tempel des
Heiligen Geistes ist (1.Kor. 6,18-19).
Die kirchliche Tradition gibt für unser individuelles Leben bzw. für unser Leben im
Fleische, leider einen Massstab vor, welcher für den durchschnittlichen Gläubigen unerreichbar scheint. Dass die Kirche einzelne Personen ‘heilig spricht’
trägt auch nicht zu einem besseren Verständnis dessen bei, was wir Christen alle sein sollten: Dem Herrn Jesus heilig.
Am Fest Allerheiligen feiern wir in unserer Gemeinschaft nicht die Tatsache, dass
die Kirche bestimmte Heilige besitzt, sondern dass wir alle zu einer heiligen Versammlung berufen sind. Wir sind heilig, wenn wir dieser Berufung einen geistlichen Gehorsam
leisten.
Und dennoch: Unsere Berufung soll wie gesagt auch ihren Niederschlag in unserem
Leben finden. Am Allerheiligenfest lesen wir aus der 1. Epistel Pauli an die Thessaloniker (Kap. 4,13-5,10). In diesem Brief gibt es eine bemerkenswerte Formulierung:
Gott hat uns nicht zur Unreinheit (akatarsis) berufen, sondern in Heiligkeit (Kap. 4,7). Schon die Berufung als solche ist eine heilige Sache. Wir sollten im
Weiteren solche sein, wo Leben und Berufung zusammenpasst. ‘Unrein’ in der älteren jüdischen Denkweise deutet auf etwas hin, das nicht zusammenpasst, auf eine
Ungleichheit.
Der neutestamentliche Grundtenor bezüglich der persönlichen Heiligung ist dieser:
Lebt nicht in wilden Leidenschaften, nicht von der Triebseele bestimmt, sondern vernünftig. Wenn der Mensch seine Begierden auslebt, kommt die Vernunft (biblisch: der
Lebensodem, den Gott Adam gegeben hatte) unter die Räder. Durch den Glauben, der auch eine geistliche Schule ist, soll diese Vernunftgabe eine Wiederherstellung erfahren.
Die Gnade hebt die Natur nicht auf, sondern vollendet sie (Thomas von Aquin).
Die kirchliche Tradition war anfangs von diesem Gedanken nicht weit entfernt. In
Anlehnung an griechische Philosophen verlangte sie von den Gläubigen ein in jeder Beziehung massvolles und vernünftiges Leben. Nicht die Dinge an sich wären so weit verboten,
sondern das gierige und unvernünftige Streben danach. Aber unsere Tradition hat einen Schatten, weil man Dinge falsch gewichtet, weil man fleischliche (äusserliche) und
geistliche Dinge in denselben Topf geworfen hat - der Herr der Kirche hatte aber klar verlangt, Fleischliches und Geistliches zu unterscheiden (Mt. 26,41).
Unsere Heiligkeit und Reinheit ergibt sich nicht daraus, dass wir dies oder jenes
nicht essen, dies oder jenes nicht anfassen, sondern dass wir etwas begreifen: Unser Leben gehört Gott, er sorgt für uns. In Dankbarkeit soll ein jeder in den
unterschiedlichsten Situationen des Lebens erkennen, was für ihn bestimmt ist und was nicht. Wie gelangt man zu dieser Fähigkeit? Es ist ein Weg, der uns dorthin bringt. Ein
Weg, auf dem man sucht und vielleicht auch mal Fehler macht. Ein Weg, auf dem man Vergebung erlangt und ausspricht. Ein Weg, wo man irgendwann erkennt, woran wir
kranken.
Der Weg der inneren Enthaltsamkeit
Anstatt von ‘Heiligung’ des Lebens könnten wir ebenso von
‘Reinigung’ sprechen, beides wird in der Bibel mitunter synonym gebraucht. Solange wir unbelehrt sind und nicht wissen, was Gott wirklich verlangt, ist es
gut, in unserem Leben dies oder jenes Buchstabengesetz zu befolgen. Aber Buchstabengesetze werden auf Dauer unser Wachstum behindern. Die Heiligung des Lebens ist weder eine
merkwürdige noch eine total abgehobene Sache, sondern etwas, das uns ein neues Menschentum eröffnet.
Wer sich heiligt, wird das Leben hier mit allen seinen Möglichkeiten und Ansprüchen
relativieren. Vieles, das nicht von Bedeutung ist, möchte uns in seinen Bann ziehen. Manches verliert seine magische Anziehung, wenn wir es kennen gelernt haben. Manches
verliert seinen Einfluss, wenn wir es meiden gelernt haben. Viel wichtiger als eine äusserliche Askese ist, dass wir uns als eine neue Schöpfung erfahren, und dass wir einen
inneren Abstand finden zu dem, was die Welt Tag und Nacht umtreibt.
Wer diesen Weg geht, kann mitten im Alltäglichen eine
verborgene Heiligkeit leben: Momente, in denen der innere Alltag verschwindet und das Herz sich der Anbetung (Betrachtung der Wahrheit) Gottes zuwendet. Und diese
Erfahrung ist es auch, welche uns befreit für unsere geistlichen Pflichten, so dass wir gerne Zeit und Kraft aufwenden, um als Kirche (als Versammlung) zu einem Zeugnis
für Gott zu werden.
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